A. Lange & Söhne – kompliziert


Lange & Söhne – kompliziert

Die Uhrenmarke A. Lange & Söhne ist bekannt für ihre einzigartigen, höchst komplexen mechanischen Uhren. Für einen Laien, selbst für Liebhaber mechanischer Uhren, sind die technischen Finessen der Konstrukteure, Ingenieure und Uhrmacher aus Glashütte oft kompliziert zu verstehen.

So gesehen ist jede Uhr aus dem Hause A. Lange & Söhne eine Komplikation für sich. Und doch gibt es bei Lange Uhren, die in ganz besonderer Art und Weise kompliziert sind. Und um diese Uhren soll es in diesem Beitrag gehen. Eine Grand(e) Complication ist für jede Uhrenmarke quasi der Ritterschlag. Wer so eine Uhr konstruieren und bauen kann, der gehört unbestritten zur Elite im Uhrenbau. Die Marke A. Lange & Söhne ist unbestritten ein Teil eben dieser Elite, und dass nicht erst seit der Wiedergeburt der Marke im Jahr 1994.

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Bereits 1902 entstand bei A. Lange & Söhne eines dieser faszinierenden mechanischen Wunderwerke in Form einer ganz besonderen Taschenuhr, die in den folgenden 100 Jahren eine sehr interessante Geschichte durchleben sollte. Und die im Verlaufe dieser Geschichte nahezu vollständig in Folge eines Wassereinbruchs zerstört wurde.

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Die Wiedergeburt dieser komplizierten Uhr in Ateliers von Lange erinnerst stark an die Wiedergeburt der Marke an sich. 1945, durch Bomben in Schutt und Asche gelegt, wurde die Marke Anfang der 1990´er Jahre wiederbelebt. Bewährte Traditionen wurden bewahrt und durch Möglichkeiten auf dem aktuellen Stand ergänzt.

So war es auch bei der Taschenuhr No. 42500. Alles, was sich an alten Teilen erhalten ließ wurde erhalten. Komplett zerstörte Bauteile mit den heutigen Möglichkeiten ersetzt. So entstand eine Uhr in der alten Tradition von A. Lange & Söhne, wiederbelebt mit den heutigen Möglichkeiten.

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Die Restaurierung dieser Uhr wurde sogar ein Buch gewidmet.

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Ich habe in diesem Blog bereits einen detaillierten Artikel zur Restauration dieses wunderbaren Stücks Lange´scher Geschichte verfasst

Langes Wunderwerk

Typisch Lange ist, dass man die Tradition dieser Taschenuhr in die heutige Zeit übertragen hat und eine weitere Grand Complication entstehen ließ. Diese Uhr stellt ein symbolisches Bindeglied zwischen der reichen Tradition der Glashütter Uhrenmarke und der Neuzeit dar. Und so wurden sowohl im Design als auch in der Umsetzung Aspekte der Taschenuhr aufgegriffen, ohne dass dabei lediglich eine Kopie der alten Uhr entstanden ist. Vielmehr ist ein eigenständiges, wunderbares mikromechanisches Kunstwerk entstanden. Und um dieses soll es in der Folge gehen.

Die Grand Complication Ref. 912.032

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Den Uhren mit dem Titel „Grand(e) Complication“ ist gemein, dass sie weit mehr als nur die Zeit anzeigen können. Über der sehr komplexe, bisweilen sogar komplizierte Mechanismen kommen weitere Funktionen wie eine akustische Zeitanzeige (Schlagwerk), eine Zeitmessfunktion (Chronograph) oder etwa ein ewiges Kalendarium hinzu.

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Die im Jahr 2013 präsentierte Grand Complication Ref. 912.032 im oben Bild als übergroßes Modell auf dem Lange-Messestand des SIHH 2013 in Genf zu sehen, wurde von den kreativen Köpfen bei Lange in Glashütte mit den folgenden Funktionen ausgestattet

  • Zeitanzeige mit Stunde und Minute
  • Schlagwerk mit großem und kleinen Geläut
  • Minutenrepetition
  • Rattrapante-Chronograph mit Minutenzähler und blitzender Sekunde
  • Ewiger Kalender mit Datum, Wochentag, Monat im Vierjahreszyklus
  • Mondphasenanzeige

Entstanden ist eine grandiose Uhr im 50 mm messenden Rotgoldgehäuse, welches das Manufakturkaliber L1902 einfasst. Dieses Kaliber besteht aus nicht weniger als 876 Einzelteilen und 67 Lagersteinen, von denen 7 in Goldchatons verschraubt worden sind. Ich denke alleine daraus erklärt sich der Name Grand Complication anschaulich. Die Höhe der Uhr von etwas über 20mm trägt sicher auch dazu bei. Aber derart viel Technik benötigt eben Platz. Und Resonanzraum für den Klang.

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Die Uhrmacher bei Lange benötigen nahezu ein komplettes Jahr für die Fertigung einer solchen Uhr. Unzählige Arbeitsstunden werden in die Bearbeitung dieser, zum Teil winzigen Einzelteile, zu deren Zusammenfügen in Baugruppen und zum immer währenden Überprüfen der Funktion der einzelnen Baugruppen und des Gesamtmechanismus investiert.

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Wie nah man sich in Glashütte am Original, der Taschenuhr No. 42500, orientiert hat zeigen die folgenden zwei Bilder.

Die Taschenuhr No. 42500

a-lange-sohne-grande-complication-42500-cadran[1]Die Ref. 912.032 aus dem Jahr 2013

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Ich möchte versuchen, die technischen Finessen dieser Uhr möglichst anschaulich zu erläutern. Zumindest bei mir ruft das Verständnis derartiger Lösungen höchsten Respekt, Anerkennung und Faszination für die Marke und ihre Mitarbeiter hervor. Und daraus resultiert dann echte Leidenschaft.

Das Schlagwerk

Die Grand Complication schlägt selbstständig alle 15 Minuten die Stunden und die Viertelstunden (Großes Geläut) oder alle 15 Minuten nur die Viertelstunden und zu vollen Stunden zusätzlich die Stunden (kleines Geläut). Mit einem Umschalter am unteren Gehäuserand kann man zwischen Großem Geläut (Stellung „G“) und Kleinem Geläut (Stellung „K“) wählen. Das Geläut kann mit einem Umschalter am oberen Gehäuserand ein- (Stellung „S“ = Schlagen) bzw. ausgeschaltet (Stellung „R“ = Ruhe) werden.

Über die drei Staffeln in der Mitte des Uhrwerks (siehe das folgende Bild, die dunkelgrauen Bauteile) wird die aktuelle Uhrzeit abgetastet und an das Schlagwerk weitergegeben.

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Das Große Geläut verfügt über eine Gangreserve von 30 Stunden, das kleine Geläut von 42 Stunden. Das Laufwerk der Uhr verfügt ebenfalls über eine  Gangreserve von 30 Stunden.

Die Minutenrepetition

Die Minutenrepetition wird über eine Auslöser bei 8 Uhr betätigt. Bewegt man diesen Schieber, so wird die aktuelle Uhrzeit über tiefe Schläge (Stunden), Doppelschläge (Viertelstunden) und hohe Schläge (Minuten) akustisch angegeben. Auch der Mechanismus der Minutenrepetition tastet die aktuelle Uhrzeit über die drei Staffeln (siehe oben) ab.

Der Rattrapante-Chronograph mit Minutenzähler und blitzender Sekunde

Die Grand Complication verfügt über einen besonderen Chronographen. Man kann auch Sekundenbruchteile (blitzende Sekunde), genauer gesagt Fünftelsekunden, messen. Geschaltet wird der Chronograph ausschließlich über den oberen Drücker bei 2 Uhr. Die erste Betätigung startet den Chronographen. Die zweite Betätigung stoppt den Chronographen. über den zentralen großen Sekundenzeiger kann man die vollen, gestoppten Sekunden ablesen. Über den Minutenzähler (gebläuter Zeiger im Hilfszifferblatt oben) könne die gemessenen Minuten abgelesen werden.

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Die Fünftelsekunden werden im unteren Hilfszifferblatt angezeigt.

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Der Zeiger bewegt sind pro Sekunde in fünf Schritten einmal im Kreis des Hilfszifferblattes. Diese hochkomplexe Funktion benötigt derart viel Energie, dass sie über ein eigenes Federhaus versorgt wird.

Hier der komplette Chronographenmechanismus.

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Doch es gibt noch eine Chronographenfunktione: den Schleppzeiger oder Rattrapante. Mittel dieser Funktion können Zweischenzeiten gemessen werden. betätigt man den Drücker bei 10 Uhr bei laufendem Chronographen, so bleibt der zentrale Schlepp-Sekundenzeiger stehen (der gebläute lange Zeiger). Normalerweise befindet er sich unter dem normalen langen Chronosekundenzeiger (der Goldene). betätigt man den Drücker bei 10 Uhr erneut, so holt der gebläute Schleppzeiger den normalen Sekundenzeiger wieder ein und läuft mit ihm mit. Dieser Vorgang kann bei laufendem Chronographen beliebig oft wiederholt werden.

Der ewiger Kalender mit Datum, Wochentag, Monat im Vierjahreszyklus

Der ewige Kalender der Ref. 912.032 zeigt das Datum, den Wochentag, den Monat und das Schaltjahr an. Und das, ohne das er im Laufe der Jahre nachgestellt werden muss (vorausgesetzt, die Uhr läuft ununterbrochen). Auch die Länge des Monats Februar oder die Schaltjahre „kennt“ der Mechanismus. Realisiert wird das über die sog. 48er-Stufenscheibe (siehe das folgende Bild), die vom Datumsschalthebel abgetastet wird.

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Lediglich im Jahr 2100, in dem eine Sonderregelung des gregorianischen Kalenders gilt, muss der Kalender um einen Tag verstellt werden. In sog. Säkularjahren, die nicht durch 400 teilbar sind, entfällt das Schaltjahr.

Die Mondphasenanzeige

Die Mondphasenanzeige arbeitet ebenso „eweig“ wie exakt wie auch der Ewige Kalender.

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Nach all der Technik nun noch Impressionen des Gesamtkunstwerks

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Ich hoffe, dass ich die Einzigartigkeit dieser Uhr nachvollziehbar darstellen konnte und darüber auch ein Ahnung von der technologischen Kompetenz von A. Lange & Söhne vermitteln konnte.

Es gibt zwei Wermutstropfen bei der Ref. 912.032: es werden nur sechs Exemplare gebaut. Und jedes Einzelne wird etwas über 1,9 Millionen Euro kosten. Darüber nachdenken braucht man aber nicht. Es gab weit mehr Interessenten als Uhren. Alle sechs Exemplare sind längst verkauft.

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Ich bin sehr gespannt, mit welchen tollen Uhren uns Lange künftig noch begeistern wird…!

 

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