Ein Plädoyer für die mechanische Uhr


Oft wird sie gestellt die Frage nach dem Sinn einer mechanischen Armbanduhr in der heutigen, digitalen Zeit.

Zu unpräzise, komplett aus der Zeit gefallen, teuer in der Anschaffung und im Unterhalt…! Das sind einige der stets repetierten Meinungen contra mechanische Uhren.

Fakt sind für mich aber vor allem drei Dinge:

  1. Gute mechanische Uhren sind in meinen Augen kleine, mikromechanische Kunstwerke. Den Zugang hierzu findet aber nur, wer sich auch emotional dieser Kunst öffnen kann. Emotionen sind immer ehrlich. Sie sind intensiv und sie bringen Farbe in unser Leben. Emotionen sind selten rational zu fassen und sie sind in unserem Inneren kaum zu kontrollieren.
  2. Kunst währt ewig. Das ist so in der Musik, in der bildenden Kunst und auch im Uhrenbau. Selbst wenn die Schöpfer der Kunst schon sehr lange nicht mehr unter uns weilen lebte die wahre Kunst dennoch weiter. Mozarts Musik findet heute und in Zukunft ebenso ihre Liebhaber wie van Goghs Kunstwerke oder Le Corbusiers Bauten, Möbel und sonstigen Entwürfe.
  3. Wahre Kunst ist einmalig und original. Würde jemand heute Mozarts Musik, van Goghs Kunst oder Le Corbusiers Werke einfach kopieren, so würde man minimal höflich schmunzeln, aber niemals diese Emotionen entwickeln wie beim jeweiligen Original. Egal wie technisch perfekt die Adaptation ist.

So wird vielleicht auch klar warum Menschen, die beim Blick auf eine mechanische Uhr primär über quarzgenaue Präzision, Kauf- und Revisionspreise sprechen sowie darüber diskutieren, ob diese Form der mechanischen Kunst noch zeitgemäß ist eben diesen geschilderten Zugang zu dieser Kunst (noch) nicht gefunden haben. Und die diese Form der Kunst somit auch nicht geniessen und sich an ihr erfreuen können. Gleiches gilt für Menschen, die Uhren und sonstige Kunstwerke primär mit Blick auf das getätigte Investment und dessen Entwicklung betrachten.

Jeder der schon einmal erlebt hat wie diese kleinen, mikromechanischen Wunderwerke von klugen Konstrukteuren erdacht werden und unter den Händen der  geschickten und geduldigen Uhrmacher entstehen der versteht, dass gute mechanische Uhren nicht einfach nur schnöde Instrumente zur Zeitmessung sind. Und ich behaupte, dass man den Grad der Emotion und der Passion, den eben jene Konstrukteure und Uhrmacher bei ihrer Arbeit höchst selbst einbringen auch am fertigen Objekt bemerken kann.

Genau hier trennt sich die Kunst von der Masse. Denn zu dieser Passion und Emotion einer Marke gehört auch der eigene Anspruch an sich selber. Die Werte einer Marke (nicht die heute stets so wichtigen wirtschaftlichen, eher die charakterlichen), zu denen für mich auch dieser eigene Anspruch zählt, entscheiden dann darüber, ob man höchste Qualität für den späteren Uhrenbesitzer liefern möchte und Dinge zur Qualitätssteigerung tut die der Besitzer weder sehen noch aktiv feststellen kann, oder ob man Uhren primär unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten baut und verkauft schlicht um Geld damit zu verdienen.

So kommt es dass es Uhrenmarken gibt, die ihre eigenen Uhren nach zwanzig Jahren nicht mehr reparieren können bzw. wollen und dies mit der in Frage gestellten Wirtschaftlichkeit begründen. Wären die eigenen Produkte auch in den Augen dieser Marken Kunstwerke und wäre der eigenen Anspruch höher, so würde sich diese Frage wohl kaum stellen.

Und so lautet mein Fazit wie folgt:

Ob man eine mechanische Uhr bewundert oder belächelt hängt ausschließlich vom eigenen Standpunkt und vom eigenen Zugang zu dieser Kunst ab. Und so wird auch ein jeder, der diesen Zugang zu dieser Form der Kunst für sich gefunden hat schnell merken, welcher Künstler (Uhrenmarke) zu einem passt, auch in zwanzig oder dreißig Jahren noch.

Ein Gedanke noch zu einem Vergleich, den ich oft höre: Automobile und Uhren. Jede gute mechanische Uhr, auch diejenigen die in heutiger Zeit bei den authentischen und passionierten Marken entstehen, sind gebaut für die Ewigkeit. Sie können auch in zwei, vier oder zehn Generationen noch instand gesetzt werden. Und sie werden auch dann noch Begeisterung auslösen. Auf welche Automobile kann man diesen Ewigkeits-Begriff denn ehrlich anwenden?! Maximal bei alten und elektronikfreien Modellen, denn alle Automobile mit Computern und Steuergeräten an Bord sind definitiv nicht für die Ewigkeit gebaut, egal was der jeweilige Hersteller verspricht.

Und so sind gute mechanische Uhren von ebenso guten „wertvollen“ Marken tatsächlich als Kunstwerke näher an der bildenden Kunst, an der Musik und an der Architektur als an allem anderen. Und in  meinen Augen sind gute mechanische Uhren ebenso ewig.

Vielleicht erklärt das meine seit über einem viertel Jahrhundert bestehende Begeisterung für gute mechanische Uhren (von einer Hand voll Marken), die einfach nicht nachlassen will…?! Ebenso wenig wie mein Interesse für gute Musik, schöne Kunstwerke und gute Architektur.

Also: Gründe für den Kauf einer guten mechanischen Uhr braucht es nicht. Sie muss ihnen nur gefallen und sie begeistern. Tragen sie ihre mechanische Uhr regelmässig und wenn ihnen der Sinn danach steht, denn dafür sind die gebaut worden. Nehmen sie Kratzer und Tragespuren and der Uhr wie Falten und Narben auf ihrer Haut. Die entstehen unweigerlich im Laufe eines Lebens und jede einzelne erzählt eine, ihre Geschichte. Zerdenken sie ihre mechanische Uhr nicht, geniessen sie dieses Kunstwerk und gedenken sie denen, die diese Kunst erschaffen haben.

Kategorien:A. Lange & Söhne, Dornblüth & Sohn, H. Moser & Cie., Hublot, IWC Schaffhausen, Parmigiani Fleurier, Patek Philippe, Rolex, Uhren, ZenithSchlagwörter:,

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