Zenith – High Mech


Meine Leser wissen, dass ich ein besonderes Faible für komplizierte Uhrwerke habe. Umso komplexer desto besser. Für mich sind Uhren der Haute Horlogerie „das Salz in der Suppe“. Und auch wenn diese Uhren sich preislich oft in Regionen bewegen die unerreichbar sind, so wissen sie mich dennoch seit 25 Jahren immer wieder zu begeistern.

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Nicht von ungefähr sehe ich mein Interesse bei Marken, die solche komplexen Mechanismen hervorbringen wie Patek Philippe, A. Lange & Söhne, Vacheron Constantin und Hublot. Und selbstverständlich bei einigen kleinen und unabhängigen Uhrmachern. Mit solchen Uhren und Marken kann ich mich stunden- und tagelang beschäftigen.

Bei der Recherche zum Thema „Constant Force“-Mechanismen bin ich vor einigen Tagen auf eine Uhrenmarke gestoßen, die zwar lange schon kenne, die ich aber bislang nicht mit komplizierten Uhren in Verbindung gebracht habe: Zenith.

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Zenith stand für mich immer für tolle Chronographen. Dachte ich an Zenith so dachte ich automatisch an das El Primero.

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(Quelle: Worldoftime)

In den 1990er Jahren bewunderte ich als junger Mann z.B. diese Zenith Chronomaster hier:

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Wann immer es möglich war schaute ich mir diese Uhr im Schaufenster eines Bonner Juweliers an.

Danach aber verlor ich Zenith etwas aus den Augen. Klar habe ich immer mal wieder etwas über Zenith gelesen und auch Bilder von Uhren aus dem Hause Zenith gesehen. Aber die Marke hat mich nie wieder so richtig „gekickt“.

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Aber seit mehr als 15 Jahren trage ich, zwar versteckt, ein Stück Zenith am Handgelenk: in meiner Rolex Daytona Referenz 16520 tickt ein modifiziertes El Primero.

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Und nun, bei der oben bereits erwähnten Recherche zu diesem Artikel:

A. Lange & Söhne – Kette, Schnecke, Nachspannwerk & Co.

entdeckte ich eine Zenith mit einem Constant Force Mechanismus á la Kette und Schnecke. Und ich war ehrlich baff. Ich beschäftigte mich nun natürlich etwas intensiver mit Zenith der Neuzeit. Und meine Überraschung nahm sogar noch zu.

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Offenbar hatte ich bezüglich meiner Leidenschaft für Uhren einen leichten Tunnelblick entwickelt. Und Zenith lag definitiv nicht in diesem Tunnel. Aber auch solche Momente der Erkenntnis machen für mich diese Leidenschaft aus. Und eine ganz ähnliche Erkenntnis habe ich im letzten Jahr mit Hublot gemacht. Auch diese Marke kannte ich zwar, aber ich hatte keine Ahnung, was Hublot wirklich kann.

Und so weitete ich nun meinen Fokus etwas und möchte in diesem Artikel meine Eindrücke von genau der Zenith teilen, die ich zu allererst entdeckt habe: die Zenith Academy Georges Favre Jacot.

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Und ich habe wieder etwas mehr gelernt, z.B. über die Historie von Zenith, in der es z.B. Borduhren und Marine-Chronometer ebenfalls mit einer konstanten Kraftübertragung per Kette und Schnecke gab und für die Zenith seinerzeit auch bekannt war.

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Und genau diese Erfahrung belebte Zenith im Jahr 2015 wieder. Man brachte wieder Uhren mit diesem faszinierenden Mechanismus, international Fusée & Chain genannt, heraus. Und was für welche.

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Der Namensgeber dieser Uhren in Zeniths Top-Linie „Academy“ ist kein geringerer als der Gründer von Zenith.

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Georges Favre-Jacot gründete im Jahr 1865 mit gerade einmal 22 Jahren in Le Locle seine eigene Uhrenherstellung.

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Genau genommen war es die erste moderne Uhrenfabrikation in großzügigen Werkstätten mit riesigen Fenstern – die sich heute noch am selben Ort befinden – und ließ sie als Erster in Le Locle elektrisch beleuchten. Das lockte natürlich die talentiertesten und fleißigsten Handwerker der Region an. Im Laufe der Jahre erlangte die Fabrik so an internationaler Anerkennung für die Qualität ihrer Produkte. Georges Favre-Jacot entwickelte sich zu einem Industriekapitän, der die gesamte Region beeinflusst hat und wie jedes Jahrhundert nur wenige hervorbringt.

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Die Academy Georges Favre-Jacot erschien zum 150. Jubiläum der Firmengründung und es ist ein wahrlich schönes Geschenk, dass sich Zenith zum eigenen Geburtstag da selber gemacht hat.

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Technisch basiert das Kaliber der Uhr – natürlich – auf einem Hochfrequenz-Handaufzugswerk vom Kaliber El Primero 4810. Überhaupt ist das legendäre schnellschwingende El Primero-Chronographenkaliber, eingeführt 1969, noch immer die Basis von Zenith. Seine grundsätzliche Konstruktion findet sich in vielen Uhren des Hauses als Basis wieder.

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Nur transferierte Zenith dieses Grundkaliber längst technisch in das 21. Jahrhundert. Nebenbei sei erwähnt, das Zenith eine echte Uhrenmanufaktur ist. Man verwendet ausschließlich eigene, bei Zenith konstruiert und gefertigte Uhrwerke. Auch so etwas ist heute selten geworden.

fusee_detail_5601Und so konnte man bei Zenith denn auch die eigene Kompetenz nutzen und die Kraftübertragung per Kette und Schnecke auch technisch höchst interessant gestalten.

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Bei allen Constant-Force Mechanismen, seien sie von A. Lange & Söhne, von Romain Gauthier, von Ferdinand Berthoud (Chopard), von Cabestan oder von Zenith (mehr Marken machen so einen komplexen Mechanismus nicht…), geht es immer um die Präzision einer Uhr. Umso gleichmäßiger die Energie vom Federhaus zum Gehwerk einer Uhr übertragen wird, umso gleichmäßiger, sprich präziser läuft eine Uhr.

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Ein wichtiger Faktor ist die Kraftübertragung im Uhrwerk. Die Aufzugsfeder im Federhaus gibt ihre Energie normalerweise über Zahnräder an die Gangpartie der Uhr weiter. Nun gibt eine solche Feder nie immer gleich viel Energie ab. Ist sie voll aufgezogen liefert sie mehr Energie als kurz vor dem Ablauf. Dies zeigt anschaulich das obige Diagramm. Links ist die Feder des Federhauses voll gespannt, recht entspannt.

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Und das beeinflusst die Präzision der Uhr enorm. Zenith macht sich zur Kompensation dieser Schwankungen im Kraftfluss der Uhr die Hebelgesetze geschickt zu nutze.

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Die Kraftübertragung zwischen Federhaus und Hemmung erfolgt nicht über Zahnräder, sondern über eine filigrane, 18 cm lange Kette. Sie besteht aus nicht weniger als 575 Einzelteilen.

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Ist die Uhr voll aufgezogen, dann findet sich die Kette im obigen Bildrechts, vollständig um die Schnecke gewickelt. Gut zu sehen ist, dass die Kette bei Vollaufzug von der kleinsten Windung der Schnecke (im obigen Bild 1) zum Federhaus (2) läuft. Die Feder des Federhauses ist voll gespannt, die Kette greift aber mit einem kleinen Hebel (da kleinste Windung) an der Schnecke an.

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Entspannt sich die Feder über die 50 Stunden Gangreserve, dann wickelt sich die Kette mehr und mehr von der Schnecke ab und um das Federhaus herum. Dabei werden die Windungen der Kette immer größer, ergo der Hebel, mit dem die Kette angreift im gleichen Maße größer, wie das Drehmoment der Feder des Federhauses abnimmt. Das obige Bild zeigt die Feder des Federhauses entspannt, also die Gangreserve abgelaufen. Die Kette hat sich komplett um das Federhaus gewickelt. Für jede Position der Kette/Schnecke hat Zenith exakt das Drehmoment berechnet. Constant Force in Reinform.

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Zieht man die Uhr nun wieder auf, dann wandert die Kette wieder vom Federhaus zur Schnecke, bis sich die Kette vollständig um die Schnecke gelegt hat.

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Der Vorgang des Aufziehens ist technisch eine größere Herausforderung als man auf den ersten Blick meinen könnte. Zwei Dinge spielten bei der Konstruktion eine wichtige Rolle:

  1. Die Uhr sollte während des Aufziehens über die Krone weiterlaufen (das gibt es bislang bei Uhren mit Kette & Schnecke nicht).
  2. Bei Vollaufzug muss es einen Stopp-Mechanismus geben, der die Uhr vor einem zu starken Aufziehen und damit u.U. einem Riss der filigranen Kette bewahrt.

Beides hat Zenith sehr geschickt gelöst.

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Das Weiterlaufen der Uhr während des Aufziehens der Uhr ermöglicht eine kleine Feder an der Unterseite der Schnecke (ohne Demontage der Kette nicht sichtbar). Diese Feder kann für etwa 30 Minuten ausreichend Energie bzw. das exakt gleich hohe Drehmoment liefern, wie sie sonst vom Federhaus zur Verfügung gestellt wird.

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(Quelle: IBG)

Beim Aufziehen wird die Schnecke an sich gedreht, nicht aber das Rad an der Basis der Schnecke. Ein Freilaufmechanismus macht es möglich. Unter diesem Rad befindet sich der kleine Energiespeicher in Form der Feder. Da der Eingriff des Rades in das Gehwerk der Uhr konstant erhalten bleibt läuft auch die Uhr weiter.

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(Quelle: ablogtowatch)

Die zweite Überlegung galt dem Schutz vor einem Überdrehen beim maximalen Aufzug. Das könnte sogar die Kette reißen lassen. Bei A. Lange & Söhne hat man dafür vollständig eigene, außerhalb der Schnecke gelagerte Mechanismen entwickelt.

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Bei Zenith hingegen integrierte man diesen Stopp-Mechanismus in die Schnecke.

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Die erste Idee war ein federnd gelagerter Stift, der von der Kette bewegt wird, wenn diese die kleinste Windung (= Vollaufzug) erreicht hat. Der Stift blockiert dann die Schnecke und damit den Aufzug. Im folgenden Bild habe ich das dargestellt. Der Pfeil zeigt, wie und welche Richtung die Kette auf den Stift drückt.

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Die Finale Lösung war aber etwas komplexer. Nun existiert an der gleiche Stelle wie zuvor ein abgerundeter Drücker (s. Bild oben), der über einen federnd gelagerten Hebel die Schnecke blockiert sobald die Kette dort anliegt.

Wer bei diesem Kette & Schnecke Mechanismus Von Zenith nach einem externen Stopp-Vorrichtung vor vollständigem Ablauf der Gangreserve sucht (wie ihn A. Lange & Söhne verwendet) wird nicht fündig. Diese Funktion übernimmt die kleine, weiter oben beschriebene Gangreserve-Feder.

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(Quelle:ablogtowatch)

Beim Blick auf die Rückseite der Uhr fehlt mir ehrlich gesagt etwas. Das Kaliber El Primero 4810 ist zweifelsohne ein mit 37mm Durchmesser angenehm großes und schönes Uhrwerk, aber man sieht nahezu nichts von der tollen Mechanik, die sich unter den Platinen befindet. Das ist schade. Aber vielleicht bin ich auch zu sehr geprägt von komplizierten Uhren, die einen tiefen Einblick in das Uhrwerk zulassen?! Wenn Zenith da noch mehr Einblick ermöglichen würde wäre es vollständig um mich geschehen.

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Beim Blick auf das klassische gekörnte Zifferblatt wandert der Blick unweigerlich in die obere Hälfte. Dorthin, wo Federhaus, Kette und Schnecke zu finden sind.

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Die Zeiger der Uhr sind wunderbar gebläut. Ein schönes Detail ist auch, das die Minuterie auch im Bereich des oberen Blattausschnittes durchgängig geführt wurde.

Die kleine Sekunde befindet sich zwischen sieben und acht Uhr. Als optisches Gegengewicht findet sich zwischen 4 und 6 Uhr die Gangreserveanzeige.

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Das klassische Gehäuse aus Rotgold passt perfekt zu dieser Art Uhr. 45mm im Durchmesser und 14,35mm in der Höhe kann vielleicht nicht jeder tragen. Wenn man aber bedenkt, welche Technik in der Uhr steckt, dann kann so eine Uhr einfach kaum kleiner sein.

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Nun kommt aber der wahrscheinlich größte Wermutstropfen: von der Uhr gab es nur 150 Exemplare, die bereits ausverkauft sind. Da kam ich wohl zwei Jahre zu spät. Zenith brachte noch eine Titanvariante der Academy Georges Favre-Jacot heraus.

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Von der Wirkung her wesentlich sportlicher fasziniert die Technik in dieser Titanuhr genauso wie bei der eleganteren Schwester.

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Und mein Erstaunen über Zenith geht weiter. Bei meiner Beschäftigung mit der hier beschriebenen Uhr habe ich noch andere Academy-Modelle entdeckt die mein absolutes Interesse geweckt haben. Sie verbinden die Kette & Schnecke-Technologie mit anderen Komplikationen wie Tourbillons oder einer gyroskopisch gelagerten Hemmung.

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Einige Modelle sind wunderbar von Hand graviert und teilweise sogar mit Emaille-Malerei belegt.

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Reichlich interessante Themen also, in die ich in den nächsten Monaten wesentlich intensiver eintauchen und auch darüber berichten werde.

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3 Kommentare

  1. Diese Uhr ist wunderschön und schön verarbeitet ganz toll

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