A. Lange & Söhne – die Lange 31


Was macht eine herausragende Uhrenmarke aus, worüber definiert sich „herausragend“? Über ein gutes, gefälliges und marktaffines Design? Nein, eher nicht. Denn ein Solches zeigen mittlerweile sehr viele Uhrenmarken, wenngleich nicht alle davon als herausragend zu bezeichnen sind. Und eine (mechanische) Uhr besteht ja aus weit mehr als nur Design, obwohl sich einige, einst faszinierende Uhrenmarken von ihren früheren Werten abgewandt und nahezu ausschließlich dem Design verschrieben haben und sich mittlerweile auch fast ausschließlich über Dieses definieren. Relativ oberflächlich und kurzsichtig finde ich, wirtschaftlicher Erfolg hin oder her.

Im herausragenden Uhrenbau gilt es alle Aspekte, die eine feine Uhr ausmachen, zu einem möglichst einzigartigen, stimmigen und perfekten Gesamtbild zu vereinen. Und dabei spielt neben dem Design vor allem die Kompetenz in Entwurf, Konstruktion, Umsetzung und Weiterentwicklung von Ideen die entscheidende Rolle.

Uhrenmarken, die angefangen beim Entwurf der Idee, über deren Konstruktion und Umsetzung bis hin zur fertigen Uhr so viel wie möglich und sinnvoll selber machen und können, das sind für mich herausragende Uhrenmarken. Und A. Lange & Söhne aus Glashütte zähle ich uneingeschränkt dazu.

Und zum herausragenden Uhrenbau gehört ganz sicher auch das Verschieben von Grenzen des bisher technisch möglich. Viele Parallelen lassen sich zum Beispiel zum Automobilbau und zur Architektur finden, wo die Grenzen des Machbaren auch ständig und ausschließlich von herausragenden Innovationsträgern verschoben werden. Und exakt das weckt Faszination und die Fantasie, was noch alles möglich wäre. Nicht zuletzt hat sich die Entwicklung der Menschheit zum großen Teil über das Verschieben der Grenzen des bislang machbaren generiert. Das Gute ist eben des Besseren Feind.

Die Lange 31

Zurück im Uhrenbau stellt die Lange 31 ganz sicher ein solches Meisterwerk dar, mit dem die Grenzen des bis dahin Machbaren verschoben worden sind und mit dem die Entwicklung anderer Uhren wie z.B. der Lange Zeitwerk möglich wurde.

 

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Bis zur Lancierung der Lange 31 lag die maximale Gangreserve einer Handaufzug-Armbanduhr bei 8 Tagen, üblich waren 48 bis 72 Stunden, also zwei bis drei Tage. Mit der Lange 31 gibt es nun eine Armbanduhr, die nur alle 31 Tage aufgezogen werden muss. Anders ausgedrückt: nur rund zwölfmal im Jahr. Und so banal das klingt, die Umsetzung war mehr als eine Herausforderung.

 

img_5621Mit der Entwicklung des Lange Kalibers L034.1 wurde im Jahr 2003 begonnen. Präsentiert wurde die Lange 31 im Jahr 2007. Man konstruierte, baute und testete also vier ganze Jahre an diesem technischen Meisterwerk, bis es serienreif war.

Das Kaliber L034.1 vereint 406 Einzelteile, drunter 62 Lagersteine, und weist Dimensionen auf, die sind vollständige Uhren zeigen: 37,3mm im Durchmesser und 9,6mm in der Höhe misst dieses beeindruckende Uhrwerk.

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Technisch findet man ein überdimensionales Doppelfederhaus, welches unter der Lange-typischen Dreiviertelplatine hervorschaut, sowie ein Nachspannwerk, welches die eigentliche technische Finesse dieser Uhr darstellt.

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Das Problem dieser gewaltigen Gangreserve ist das große Drehmoment, welches von den 185 cm langen Federn der Federhäuser bei Vollaufzug ausgeht und welches bei der Entspannung eben dieser federn über die Zeit abnimmt.

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Diese Schwankungen im Drehmoment sind umso ausgeprägter, umso stärker die jeweilige Feder ist. In der Lange 31 ist es die stärkste Feder, die in einer Armbanduhr weltweit zu finden ist. Schwankungen im Drehmoment führen aber unweigerlich zu Schwankungen der Präzision einer Uhr, da die Gangpartie eine möglichst konstante Energiemenge vom Federhaus benötigt, um eine gleichbleibende Präzision zu erreichen. Die in der Realität abgegebene Energie ist aber nicht konstant. Bei einer Automatikuhr gleicht sich das bei der Benutzung der Uhr aus, da die Feder mit jeder Bewegung des Arms wieder gespannt und somit Energie gespeichert wird. Bei einer Handaufzugsuhr reduziert sich das Drehmoment des Federhauses konstant, wenn die Uhr läuft.

Das folgende Diagramm zeigt die Abnahme des Drehmomentes der Feder einer Uhr über die Zeit.

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Ohne technische Hilfsmittel wären also die Schwankungen der Präzision bei einer Uhr mit 31 Tagen Gangreserve inakzeptabel! Und so ersann A. Lange & Söhne das sog. Nachspannwerk, um die vom Federhaus an die Gangpartie abgegebene Energiemenge, unabhängig von der Spannung der Feder, konstant zu halten.

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„Constant Force“- Mechanismen gab es schon früher und auch bei A. Lange & Söhne. Der Antrieb per Kette und Schnecke bei den Pour Le Mérite-Modellen des Hauses ist ein schönes Beispiel. Hier wird die Steigung der Schnecke und darüber ein unterschiedlicher Hebel, mit dem die Kette an der Schnecke ansetzt genutzt, um den Abfall des Drehmomentes der Feder über einen immer größeren Hebel auszugleichen.

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Ist die Feder des Federhauses voll gespannt, so setzt die Kette an der kleinsten Windung der Kette an: großes Drehmoment = kleiner Hebel. Entspannt sich die Feder, so verläuft die Kette in den immer größeren Windungen der Schnecke: kleines Drehmoment = großer Hebel. So werden die Drehmomentschwankungen effektiv ausgeglichen und die Gangpartie erhält immer eine konstante Portion Kraft. Ergo läuft die Uhr sehr präzise.

Einziger Schönheitsfehler: der Antrieb per Kette und Schnecke, den es schon vor über einhundert Jahren bei A. Lange & Söhne gab, benötigt viel Platz im Uhrwerk. Zusammen mit den gewaltigen Federhäusern der Lange 31 wären die Dimensionen der Uhr in den untragbaren Bereich abgedriftet.

Also musste eine andere Lösung gefunden werden, das Nachspannwerk entstand.

Bevor ich auf die Funktion des Nachspannwerkes eingehe möchte ich noch die Bedeutung der Lange 31 als Technologieträger erwähnen. Uhren wie die Lange Zeitwerk, welche ein Nachspannwerk für die kraftaufwändige Schaltung der Zahlenscheiben nutzt und damit Präzisionsschwankungen beim Schaltvorgang vermeidet, nicht möglich gewesen.

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Oder die Richard Lange Ewiger Kalender Terraluna, welche ebenfalls ein Nachspannwerk für die Schaltung der diversen Anzeigen des Ewigen Kalenders und der Himmelsscheiben nutzt. Auch dieses Modell wäre ohne die Technologie der Lange 31 nicht möglich gewesen.

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Das Nachspannwerk

Der Mechanismus des Nachspannwerkes bewirkt also, dass eine vorgespannte Antriebsspirale auf der Sekundenradwelle beim Entspannen eine immer gleiche Energiemenge an das Ankerrad weitergibt. Alle zehn Sekunden wird diese an einem Spiralklötzchen befestigte Spiralfeder an ihrem äußeren Ende wieder um 60 Grad nachgespannt. Nun muss es noch eine Vorrichtung geben, die diesen Bewegungsablauf zuverlässig und präzise steuert. Diese Aufgabe übernimmt die Unruh. Sie bewirkt nicht nur den gleichmäßigen Lauf der Sekundenwelle, durch die die genaue Zeit angezeigt wird, sondern zugleich auch den zyklischen Aufzug des Nachspannwerks. Dies geschieht über ein Reuleaux-Dreieck, eine Kurvenscheibe in Form eines gleichseitigen Dreiecks mit konvexen Seiten, die auf der Sekundenradwelle befestigt ist. Alle zehn Sekunden, das heißt nach jeder Drehung von 60 Grad, bewegt es einen raffiniert konstruierten Schwenkhebel. An seiner Innenseite greifen zwei Paletten abwechselnd in ein Rad mit nur einem Zahn, das über ein Räderwerk mit dem Federhaus verbunden ist, und hemmen dessen Lauf nach jeder 180-Grad-Drehung. Mit jeder Drehung wird die zuvor beschriebene Antriebsspirale blitzschnell wieder ein Stück nachgespannt und die dabei aufgenommene Energie über die nächsten zehn Sekunden an das Ankerrad abgegeben. Zwar schwankt der Drehmomentverlauf innerhalb dieser zehn Sekunden minimal, im Durchschnitt jedoch bleibt die Energieabgabe konstant – 31 Tage lang. Der Bewegungsablauf des Nachspannwerks, der äußerlich dem einer Hemmung gleicht, kann durch den Saphirglasboden beobachtet werden. Ein transparenter Saphirlagerstein gibt den Blick frei auf das spannende Zusammenspiel von dreieckiger Kurvenscheibe und Schwenkhebel. Das Nachspannwerk verhindert also, dass das nachlassende Drehmoment aus dem Doppelfederhaus den Gang der Uhr negativ beeinflusst. Das Ergebnis: gleiche Energieabgabe, gleiche Amplitude, gleiche Ganggenauigkeit bis zum 31. Tag. Dann stoppt ein Abschaltmechanismus das Uhrwerk. Theoretisch könnte das Werk also noch weiter laufen. Doch dann fiele die Kraft der Zugfeder unter das Drehmoment der Zusatzspirale und das Nachspannwerk könnte seine Funktion nicht mehr zuverlässig erfüllen.

(Auszug aus der technischen Beschreibung von A. Lange & Söhne)

Das folgende Diagramm verdeutlicht den Kraftfluss zwischen Federhaus und Hemmung und somit die Funktion des Nachspannwerkes (Kurve unten) im Vergleich zum Zustand ohne Nachspannwerk (Kurve oben)

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Und hier findet sich das Nachspannwerk im Kaliber L034.1 der Lange 31.

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Doch die Uhr fasziniert noch in anderen Bereichen. Aufgezogen wird sie nicht, wie üblich, über die Aufzugskrone der Uhr. Diese dient bei der Lange 31 ausschließlich zum Einstellen der Uhrzeit.

Genutzt wird ein eigens dafür konstruiertes Aufzugsinstrument, welches für sich schon ein mechanisches Meisterwerk ist. Es ist gleichzeitig ein Drehmomentschlüssel, damit man das Federhaus nicht überspannen kann.

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Mit dabei ist auch eine sehr schöne Transportdose für den Schlüssel, wenn man mit der Uhr auf eine Reise geht, die länger als einen Monat dauert.

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Auf dem folgenden Bild erkennt man den Aufbau des Aufzugsinstrumentes.

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Die 185 cm langen Federn, die ein 100 Gramm schweres Gewicht auf 3,2 Meter Höhe heben könnten, ließen sich nicht über eine herkömmliche kleine Krone aufziehen. Und so entwickelte Lange auch ein spezielles Gehäuse, welches die Nutzung des Schlüssels auf der Rückseite der Uhr erlaubt, ohne das ein zusätzlicher Deckel, wie bei früheren Taschenuhren üblich, benötigt wird.

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Exakt 31 Umdrehungen des Schlüssels habe ich gezählt, bis die Federn vollständig gespannt sind. Bei der Uhr macht das Aufziehen richtiggehend Spaß.

Wenn man den Aufzugschlüssel dann doch mal vergessen sollte, dann kann man das Doppelfederhaus auch über die Aufzugskrone aufziehen. Dann benötigt man allerdings ca. 500 Umdrehungen der Krone für den Vollaufzug…!

Damit der stolze Besitzer einer Lange 31 das Aufzuginstrument an den Gehäuseboden ohne viel Aufwand ansetzen kann hat sich A. Lange & Söhne noch etwas einfallen lassen: eine ganz spezielle Faltschließe, die nur an diesem Modell Verwendung findet.

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Auf den ersten Blick sieht sie den üblichen Faltschließen von A. Lange & Söhne sehr ähnlich. Doch auch liegt die Faszination in den Details der Schließe begründet. Man kann eine der Bandhälften des Krokodilleder-Armbandes mit einem Handgriff von der Schließe lösen und ebenso einfach wieder befestigen.

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Das Erleichtert den Zugang zum Bodendeckel der Uhr beim Aufziehen enorm. Zudem verfügt diese Schließe über Sicherheitstaster, die ein versehentliches Öffnen der Uhr vermeiden.

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Es ist schon erstaunlich, ja erfreulich, wie konsequent A. Lange & Söhne jedes noch so kleine Detail einer Uhr durchdenkt, um dem Besitzer die Bedienung und die Benutzung so einfach wie möglich zu machen.

Auch beim Zubehör der Uhr wird diese konsequente Linie beibehalten. Die große Lederbox zeigt eine Prägung auf der Oberseite, die einen Zifferblattausschnitt der Lange 31 darstellt.

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Im Inneren der Uhr findet sich neben dem Kissen für die Uhr auch ein Fach, in dem das Aufzugsinstrument samt Transportkapsel seinen Platz findet.

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Das sonstige Zubehör der Lange 31 ist langetypisch perfekt abgestimmt. Ein Buch der Uhr findet sich ebenso wie auch eine anschauliche Bedienungsanleitung, beides in einem Lederetui.

A. Lange & Söhne präsentierte die Lange 31 im März 2007, exakt 31 Tage vor der Eröffnung des SIHH in Genf in dem Jahr, also exakt die Zeit der Gangreserve der Uhr. Ein nettes Detail.

Anfangs gab es die Lange 31 nur als Referenz 130.025F im 45.9 mm großen und 15,9 mm hohen Platingehäuse.

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Seit 2009 gibt es auch eine rotgoldene Version der Uhr, welche die Referenz 130.032F trägt.

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Nun noch einige Impressionen von der Lange 31 im Platingehäuse.

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Die Lange 31 ist also beileibe keine „normale“ Uhr in der Kollektion von A. Lange & Söhne. Vielmehr ist sie ein außergewöhnlicher Technologieträger, keine Uhr für jedermann und keine Uhr für jeden Tag. Auf jeden Fall ist sie aber ein Ausdruck der herausragenden Stellung von A. lange & Söhne in der Uhrenwelt.

Abschließend noch ein Größenvergleich der Lange 31 mit einem Datograph Flyback der ersten Generation.

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Und mich als Liebhaber mechanischer Uhren begeistert fasziniert dieses Modell über alle Maßen.

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Kategorien:A. Lange & Söhne

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